Interview mit Matthias Fink, Leiter der Seminarreihe Sucht 3.0

Unser Bildungsprogramm-Vermarkter, die beredsam GmbH, schickte Reporter Bob Beredsam los, mit unserem Matthias Fink ein paar offene Worte zum Thema Sucht zu wechseln. Wir freuen uns, das Interview in voller Länge veröffentlichen zu dürfen.

Bob Beredsam: Herr Fink, warum befürworten Sie mehr Vorsorge oder besser: Aufklärung zum Thema Sucht?

Matthias Fink: Nun, ich möchte nicht verallgemeinernd dramatisieren. Jedoch muss man zur Kenntnis nehmen, dass sich Sucht als „normale“ Krankheit immer noch in einer Tabuzone befindet. Hinzu kommt, dass insbesondere Sucht als Charakterschwäche angesehen wird. Und gerade in Konkurrenzsituationen wie einem Arbeitsverhältnis ist es schwer, ist der Umgang mit vermeintlichen Schwächen mit Ängsten um Ansehen und Arbeitsplatz verbunden.

Bob Beredsam: Wie meinen Sie das – wird Ihnen zu wenig darüber geredet?

Matthias Fink: Genauso ist es. Wenn jemand erkältet auf die Arbeit kommt, sagen die Kollegen oder auch empathische Vorgesetze: „Komm, geh heim für heute.“ Wenn jemand mit einer Alkoholfahne erscheint, ist die konkrete Ansprache leider zu selten der Fall. Einfach, weil keiner gern drüber redet.

Bob Beredsam: Und wie „redet man gern drüber“?

Matthias Fink: Gern ist sicher nicht das perfekte Attribut – aber gelänge es, das Thema Sucht, Sucht als Krankheitsbild zu normalisieren, zu enttabuisieren – wären wir einen großen Schritt weiter. Einfach genauso drüber reden, wie über die Arbeitsausfälle wegen Grippe beispielsweise. Das Thema als solches präsent halten in Unternehmen, in Familien. Immerhin verursacht Sucht jedes Jahr enorme wirtschaftliche Schäden in den Unternehmen. Von den zwischenmenschlichen Schäden in Familien, Beziehungen und Freundschaften ganz zu schweigen.

Bob Beredsam: Haben Sie konkrete Beispiele?

Matthias Fink: Fragen Sie mal Co-Betroffene Frauen trinkender Männer, wie konkret der Geldbeutel aussieht. Partnerinnen oder Partner, die das Geld der Nächsten ins Casino oder zum Dealer tragen. Das ist konkret sehr individuell. Im Wirtschaftsbereich spricht man statistisch von Schäden um die 20.000,00 Euro pro Jahr, die ein Süchtiger in Form von blauen Montagen und anderen Arbeitsausfällen und sehr viel geringerer Leistungsfähigkeit verursacht. Das ist sicher von Fall zu Fall unterschiedlich hoch. Aber das Schlimmste ist, dass diese Art Schäden in keiner BWA auftauchen – es handelt sich schlicht um Schwund von Geld. Zunächst einmal.

Bob Beredsam: Was sagen die Unternehmerinnen und Unternehmer dazu?

Matthias Fink: Nicht viele reagieren offen – und damit zum eigenen Schaden. Viele sagen, sie hätten das Problem Sucht nicht im Unternehmen. Wir fühlen oft auch Unsicherheit in den Führungsetagen, latente Furcht, das Thema Sucht im Betrieb könnte öffentlich werden und damit einen PR-Schaden verursachen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall – viele Co-Betroffene fänden es erstens gut, über ihr Problem reden zu können und zweitens lässt sich das Thema Sucht im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements sehr gut platzieren, übrigens sogar öffentlichkeitswirksam. Große Unternehmen haben das längst erkannt und haben eigene Suchtberater eingestellt.

Bob Beredsam: Sie sprechen von Co-Betroffenen – was genau sind das für Leute?

Matthias Fink: Co-betroffen ist jeder, der sich in seinem Umfeld mit Süchtigen auseinandersetzen muss. Ich meine nicht nur die Frau (oder den Mann) eines trinkenden Partner, einer trinkenden Partnerin. Wenn mich der Lärm der Nachbarsfamilie wegen des trinkenden Vaters täglich stört, dann bin ich co-betroffen. Wenn mein Mitarbeiter nur korrekt arbeitet, wenn er einen leichten Alkoholspiegel hat, dann bin ich co-betroffen. Wenn mein Kumpel sein ganzes Geld in der Spielhalle oder im Casino verzockt, bin ich co-betroffen. Wenn meine Tochter nur noch im Internet lebt, dann bin ich co-betroffen. Und so könnte ich die Beispiele ohne Ende fortsetzen. Ich kenne keinen, der in seinem näheren Umfeld kein Suchtproblem benennen könnte.

Die Frage lautet nur: Schaue ich weg oder mache ich was? Hier fängt der eigene Konflikt oft an und häufig im Wegschauen oder Kleinreden, aber weniger, weil man nicht helfen will als mehr, weil man nicht weiß, WIE man helfen soll. An dieser Stelle werden Co-Betroffene oft zu Co-Abhängigen.

Bob Beredsam: Sie wissen aber, wie man helfen sollte?

Matthias Fink: Ja. Gemeinsam mit meinem Kollegen Robert Erler entwickelten wir ein Bildungsprogramm, ausgerichtet auf 3 Zielgruppen: Die Unternehmerinnen und Unternehmer und deren Führungsriegen, die Lehrer/-innen und Eltern und die sozialen Fachkräfte.

Der erste Teil des Programms beantwortet die Fragen zur Suchtentstehung, zu stofflichen und nichtstofflichen Suchtmitteln und zum Umgang mit den oben schon angesprochenen Problemstellungen. Der zweite Teil zeigt Wege der Gesprächsführung und Möglichkeiten der Selbstreflektion, wenn der Stress zu groß wird als Co-Betroffene/-r. Im dritten Teil widmen wir uns praktischen Fragen, besuchen Suchthilfeeinrichtungen und erarbeiten weitere arbeitsplatzspezifische Lösungen.

Bob Beredsam: Danke für Ihre Zeit und das erhellende Interview!

Matthias Fink: Bitte sehr.